Klitschko vs. Sushi

Es ist der 09.05.2014, ich schlendere durch ein Einkaufszentrum in Sindelfingen und schaue auf meine Uhr. Sie zeigt 16.10 Uhr, in 1,5 Stunden treffe ich meine Cousine zum “Fitnessboxen”, wie sie es am Telefon genannt hat. Was stelle ich mir darunter eigentlich vor? Das Video, welches ich mir ein paar Tage zuvor im Internet angeschaut habe, verheißt mir einen sonnenverwöhnten, dauergrinsenden Enrique Iglesias der eine Schaar schwitzender Mädels und vereinzelte, verloren wikende Männer trainiert. Der Ablauf ist dabei schnell erklärt, eine Mischung aus tänzeln und verdreschen der Luftatome. Also absolut kein Problem für einen langjährigen Kampfsportler wie mich. Da es somit nicht danach aussieht, als würde ich mich heute noch großartig anstrengen müssen, beschließe ich etwas zu essen. Beim Sushizauberer meines Vertrauens, nehme ich Platz und bestelle mir eine leichte Tofu-Lauch-Suppe und 12 Maki- Röllchen. Während ich mir den frischen Fisch zwischen die Kiemen schiebe, unterhalte ich mich gemütlich mit dem Sushi-Koch. Für jeden gut einsichtig, steht dieser extra in der Mitte der quadratisch um ihn herum angeordneten Sitzplätze.

Kurz bevor ich meine Mahlzeit beendet habe passiert es, ein Aufschrei ” Scheiße”, der Sushi-Koch schaut auf sein zuletzt zubereitetes Werk. Ja er hat wirklich “Scheiße” gesagt und das heißt sowohl auf japanisch, als auch auf deutsch das Gleiche. Während er sich mit mir unterhielt, hat er die falsche Sushisorte für einen anderen Gast zubereitet. Da ich wohl noch hungrig aussehe, stellt er mir die Portion mit den Worten ” geht aufs Haus” hin. Ich schaue erneut auf die Uhr, es ist 17.10 Uhr, noch eine halbe Stunde und ich muss ins Fitnessboxen. Aber wer wäre denn bei gratis Futter unhöflich? Dankend nehme ich die ozeanische Köstlichkeit entgegen. Eine halbe Stunde später stehe ich am vereinbarten Treffpunkt und warte auf meine Cousine, die mit etwas Verspätung eintrifft. Wir laufen zusammen auf das naheliegende Fitnessstudio zu und biegen kurz davor scharf links ab. Ich wundere mich, da ich davon ausgegangen bin, dass der Kurs in einem Fitnessstudio stattfinden. Naja da es nicht oft vorkommt, dass eine Cousine ihren Cousin entführt mache ich mir keinen Kopf und folge ihr weiter unauffällig. Wir laufen ein paar Treppen hinunter zu einem kleineren Gebäude auf dem irgendwas mit Boxen steht. Ich folge ihr durch die Türe und stehe mitten in einem Rocky-Film.

Es gibt ihn also wirklich, diesen Boxclub an der Ecke in dem Helden gebohren werden. Überall von den holzgetäfelten Wänden schauen mich die Bilder der Boxlegenden aus der Vergangenheit durch einen gilblichen Schleier an. Gleich daneben hängen die am Gegner abgenutzten Boxhandschuhe von glorreichen Kämpfen erzählend. Der Raum ist niedrig, kaum ausreichend beleuchtet, in der Mitte ein Boxring, neben ein paar Trainingsgeräten und Hanteln hängen zahlreiche Boxsäcke von der Decke. Aus einer kleinen Trainerkabine kommt Mr. Stallone und begrüßt uns freundlich. Es ist nicht dieser lächelnde Perlweißtyp aus den Videos, die ich mir zum Thema Fitnessboxen angeschaut habe. Nein hier steht ein echter Veteran des Boxsports. Es packen mich die ersten Zweifel ob ich hier von meiner Cousine richtig informiert wurde.

Inzwischen sind noch weitere Kursteilnehmer eingetroffen und jeder breitet seine Trainingsmatte kreisförmig aus. Grinsend überreicht mir der Trainer zwei ein Kilogrammgewichte “Das sollte ja kein Gewicht für dich sein”. Wir beginnen damit, unsere Arme in sämtliche Himmelsrichtungen waagrecht auszustrecken und die Hände mit den Gewichten darin zu kreisen. Das geht eine gute Weile so, meine Schultern fangen solangsam an zu brennen, aber eigentlich noch kein Problem. Danach legen wir uns mit dem Rücken auf die Matte. Wir fangen an mit 50 langsamen Sit- Ups bei denen jeder reihum auf zehn zählt.

Plötzlich passiert es:

Runde 1: Sit-Ups vs. Sushi

Ich spüre wie der Fisch in meinem Bauch wieder zu leben anfängt und er die ersten Jabs gegen meine Magenwand ausführt. Es geht weiter, nochmal 50 Sit-Ups, diesmal mit den Händen zur Decke. Danach gleich 20 in liegender Position nach recht und links. Nun noch 25 jeweils links und rechts in seitlicher Position.

Runde 2: Medizinball vs. Sushi

Wir setzen uns hin, heben die Beine an und lehnen uns leicht nach hinten, nur noch mit dem Gesäß haben wir Kontakt zum Boden. Diese Position haltend, werfen wir uns gegenseitig einen Medizinball zu. Er trifft mich einmal kurz in den Bauch und das Sushi bereitet sich darauf vor meine Bauchdecke bzw. Bauchdeckung zu durchbrechen. Schmerzlich halte ich weiter durch.

Runde 3: Rückenübungen vs. Sushi

Die Gruppe dreht sich auf den Bauch, ich auf das Sushi und wir nehmen erneut die ein Kilogramm Gewichte in die Hand. Nun machen wir in Bauchlage, mit vom Boden angehobenen Beinen Boxbewegungen, mit den Armen nach vorn. Das geht eine ganze Weile in verschiedenen Varianten so weiter und noch dominiere ich meine aufkommende Übelkeit. Der Trainer dreht sich zu mir und sagt: “Übrigends, falls du nicht mehr kannst ist es ok, wenn du zwischendrin kleine Pausen machst”. Ich frage mich ob ich wirklich so fertig aussehe. Ein Blick in die Spiegelwand zu meiner linken genügt um mir zu zeigen, dass sich mein leichter Sommerteint in Casper den freundlichen Geist verwandelt hat.

Runde 4: Der Zirkel vs. Sushi

Wir legen die Matten weg und bauen einen Zirkel mit 14 Stationen auf. Neben den typischen Trainingsgeräten wie Butterfly und Bank werden dicke Gummiseile, Gewichte und Medizinbälle herangeschafft. Die Spielregeln werden erklärt. 45 Sekunden pro Station, dazwischen 25 Sekunden Pause und soviele Wiederholungen wie möglich. Das Allerlei in meinem Magen wittert seine Chance auf einen K.O. Schlag. Tapfer halte ich durch, während ich mit zwischen Wand und Bauch gespanntem Gummiseil auf einen Boxsack zurenne und versuche diesen mit Schlägen einzudecken, ohne nach hinten gezogen zu werden. In den darauf folgenden 45 Sekunden, werfe ich einen Medizinball unaufhörlich gegen die Wand und fange ihn wieder auf. Als ich vor der nächsten Station stehe, packt mich das Grauen. Sit- Ups auf einer 60 Grad nach hinten geneigten Bank. Mir geht es hundeelend, als das Gewicht der japanischen Leckerei verbunden mit der Schwerkraft in Richtung Speiseröhre saust. Ich bleibe hart, wer will schon seinem Abendessen in diesem Aggregatzustand nochmals begegnen.

Runde 5: Das Finale

Die erste Runde im Zirkel ist geschafft und solangsam ist der Mageninhalt dann doch verdaut. Nach 10 Minuten Pause gibt es noch zwei weitere Runden durch den kompletten Zirkel. Meine Magensäure versetzt dem Sushi einen gekonnten Hacken und es geht zu Boden. Der Triumpf!!!!! Ich absolviere die restlichen Stationen im Zirkel und fühle mich glücklich und befreit. Auf die Arme nach oben reisen und Jubeln verzichte ich, da meine Trainingskollegen wohl kaum etwas von dem Kampf der in mir tobte mitbekommen haben. Um kurz nach acht, also ca. zwei Stunden nachdem das Training begonnen hat, habe ich es überstanden.

 

Fazit: Sucht in eurer Nähe nach diesem kleinem Boxstudio im italo-hollywood Charm und meldet euch für eine kostenlose Runde “Fitnessboxen” (oder wie auch immer es von eurer Cousine genannt wird) an. Selbst wenn ihr danach nicht mehr hin geht, findet ihr sicherlich die ein odere andere Übung, die ihr in euer privates Training einbauen könnt. Dabei ist es sowohl für Männer als auch für Frauen bestens geeignet, da die Übungen nicht auf Masse, sondern auf Definition und Kondition abzielen. Ich hatte seit langem malwieder Muskelkater am nächsten Tag. Um mit den Worten von Arnold Schwarzenegger zu schließen ” Ich komme wieder!”.

 

© Beitragsbild: Petra Bork  / pixelio.de

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